Elektroschrott, Energiehunger von Rechenzentren, Mining-Exzesse – aber auch: Solar-Chips, Reparierbarkeit und Green Code. Die Branche muss handeln.
Die Technologiebranche vermarktet sich gerne als Vorreiterin einer grüneren Zukunft. Solarmodule, Windkraftanlagen, intelligente Stromnetze – ohne Software und Silizium wäre die Energiewende nicht denkbar. Doch hinter dieser Fassade verbirgt sich eine Branche, die selbst einen enormen ökologischen Fußabdruck hinterlässt und sich immer stärker unter Rechtfertigungsdruck sieht.
Beginnen wir mit einem Thema, das in der öffentlichen Wahrnehmung noch immer unterrepräsentiert ist: Elektroschrott. Laut dem Global E-Waste Monitor wurden im Jahr 2024 weltweit über 62 Millionen Tonnen Elektroschrott produziert – Tendenz weiter steigend. Smartphones, Laptops, Tablets und Unterhaltungselektronik werden im Schnitt immer schneller ausgetauscht. In Deutschland landet ein erheblicher Anteil ausgedienter Geräte nicht im Recyclingkreislauf, sondern im Hausmüll oder wird in Billigstaaten exportiert, wo sie unter menschenunwürdigen Bedingungen zerlegt werden.
Rechenzentren sind die Energiehungrigsten Infrastrukturbauten unserer Zeit. Weltweit verbrauchen sie etwa 1 bis 2 Prozent des globalen Strombedarfs – ein Anteil, der mit der Zunahme von Cloud-Diensten und KI-Anwendungen rasant wächst. Das Training eines einzigen großen Sprachmodells verbraucht laut Berechnungen des Karlsruher Instituts für Technologie so viel Strom wie ein Kleinwagen in einem halben Jahr verbrauchte. Gleichzeitig benötigen Rechenzentren enorme Mengen an Wasser für die Kühlung ihrer Server.
Gleichwohl gibt es ermutigende Entwicklungen. Große Technologieunternehmen wie Microsoft, Google und Apple haben sich ehrgeizige Klimaziele gesetzt. Google betreibt seinen Betrieb nach eigenen Angaben seit Jahren kohlenstoffneutral und strebt an, bis 2030 ausschließlich kohlenstofffreien Strom zu nutzen. Microsoft hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2030 „carbon negative" zu werden. Ob diese Zusagen eingehalten werden, bleibt jedoch abzuwarten.
Ein weiteres Problem liegt in den Lieferketten. Für die Produktion von Smartphones und Laptops werden seltene Erden wie Coltan, Lithium und Kobalt benötigt. Der Abbau dieser Materialien geschieht häufig unter katastrophalen Bedingungen – ökologisch wie sozial. Der Kongo, wo ein Großteil des weltweiten Kobalts gefördert wird, ist ein Paradebeispiel für die dunkle Seite der Digitalisierung.
Die Reparierbarkeit von Elektronik ist ein Thema, das in den letzten Jahren politische Aufmerksamkeit erlangt hat. Das Recht auf Reparatur – auf Englisch „Right to Repair" – fordert Hersteller dazu auf, Geräte so zu bauen, dass Nutzer und unabhängige Werkstätten sie reparieren können. In der EU trat 2024 eine entsprechende Richtlinie in Kraft, die Hersteller verpflichtet, Ersatzteile und Reparaturanleitungen für eine Mindestdauer bereitzustellen. Das ist ein Fortschritt, wenn auch noch kein Durchbruch.
Neue Konzepte wie „Cradle to Cradle" und zirkuläre Wirtschaft gewinnen in der Tech-Branche langsam an Bedeutung. Die Idee: Produkte so zu gestalten, dass alle Komponenten am Ende ihrer Lebensdauer vollständig wiederverwendet oder biologisch abgebaut werden können. Einige Hersteller, darunter Fairphone aus Amsterdam, haben gezeigt, dass modular aufgebaute und leicht reparierbare Smartphones möglich sind – und wirtschaftlich funktionieren.
Auf der Softwareseite wächst die Bewegung des „Green Coding" oder „Sustainable Software Engineering". Die Grundidee: Ineffizient geschriebener Code verbraucht mehr Rechenleistung und damit mehr Energie. Wenn Entwickler lernen, energieeffiziente Algorithmen zu schreiben und unnötige Prozesse zu vermeiden, kann dies im Maßstab von Milliarden von Programmausführungen täglich einen merklichen Unterschied machen.
Silizium-Chips werden unterdessen immer effizienter. Die neuesten Prozessorgenerationen der TSMC-Produktion in Taiwan arbeiten mit Strukturen unter 3 Nanometern – und werden dabei nicht nur schneller, sondern auch energiesparsamer als ihre Vorgänger. Arm-basierte Chips, wie sie inzwischen in Laptops und Smartphones dominieren, zeigen, dass Rechenleistung und Energieeffizienz keine Gegensätze sein müssen.
Erneuerbare Energien im Betrieb von Rechenzentren sind ein weiterer Hebel. Microsoft hat angekündigt, bis 2030 alle seine Rechenzentren ausschließlich mit erneuerbarem Strom zu betreiben. In Island und Norwegen, wo günstige Geothermie und Wasserkraft verfügbar sind, entstehen bereits heute einige der energieeffizientesten Datenzentren der Welt. Deutschland hinkt hier aufgrund seiner Energiemix-Realität noch hinterher.
Verbraucherinnen und Verbraucher spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Wer sein Smartphone länger nutzt, statt jährlich auf das neueste Modell zu wechseln, wer gebrauchte Elektronik kauft und seine Altgeräte sachgerecht entsorgt, trägt zur Reduzierung des technologischen Ressourcenverbrauchs bei. Plattformen für Refurbished Electronics boomen – ein Zeichen, dass sich das Bewusstsein langsam verändert.
Die Tech-Industrie steht vor einer Grundsatzentscheidung: Sie kann die Nachhaltigkeitsversprechen als Marketing-Instrument nutzen oder sich ernsthaft auf den Weg in eine kreislauffähige, energie- und ressourceneffiziente Zukunft machen. Regulierung allein wird es nicht richten – es braucht echte Innovation, transparente Lieferketten und ein neues Verständnis von Fortschritt, das nicht allein in Gigahertz und Displayhelligkeit gemessen wird.